Do

30

Okt

2008

Die kleine Sprachliste für Wendezeiten

Kleiner Leitfaden für Manager: So zeigen sie Journalisten, dass sie aus der Krise gelernt haben - mit ein wenig Sprachkosmetik vom windigen Finanzjongleur zur verlässlichen Spitzenkraft.

Rechtzeitig Farbe bekennen Rechtzeitig Farbe bekennen

Wir leben in Wendezeiten. Bestimmte altgewohnte Begriffe fallen plötzlich aus dem gewohnten Sprachraster heraus. Wer sich nicht als BOF ('Boring Old Fart') outen will, sondern auch in Zeiten der Rezession an seinem unaufhaltsamen Aufstieg häkelt, der verabschiedet daher besser die sprachlichen Liebchen vom vergangenen Jahr:

 

1. Maximieren: Igitt - was ist das ‘old fashioned', so etwas, das geht nun gar nicht mehr! Seit den Zeiten der IKB-Bank und der frustrierten ‘Broker Boys' wissen wir doch, dass dieser Wille zum ‘Maximieren' die erste Vorbedingung eines maximalen Minimierens ist. Sinngemäß müssen Sie heutzutage natürlich auch das sachverwandte Verbalgemüse vermeiden: ‘Maximum', ‘maximal', ‘Maxi-Rendite' usw. Kaprizieren Sie sich stattdessen auf Worte wie 'stabil', ‘ordentlich', 'solide', ‘maßvoll' usw.

2. Macher: Wollen Sie wirklich unbedingt schon bei der ersten Entlassungswelle rausfliegen? Dann sagen Sie Ihrem Chef ruhig, dass Sie ein ‘Macher' seien, laufen Sie also quer zum neuen Mainstream. Oder schauen Sie sich doch lieber um, young man - zum Beispiel bei den Banken. Da rückt und rührt sich auf den Vorstandsetagen jetzt gar nichts mehr, noch nicht einmal ein Interview bekommen Sie von dort. Dieses dezidierte Nichtmachen ist die Devise der kommenden Monate ...

3. Positionieren: Bloß nicht! Absolut alles ist unsicher geworden, die gierige Meute wartet nur auf ein festes Ziel - denken Sie an den armen Professor Sinn. Wozu wollen Sie sich festlegen? Bleiben Sie lieber verschwommen, nehmen Sie sich den grauen Nebelstreif nachts im Tunnel zum Vorbild. So können Sie nie etwas falsch machen. Wir leben in unsicheren Zeiten - keiner weiß, ob der Kapitalismus zurückkehren wird, oder ob doch der Sozialismus sein grausliches Haupt erhebt.

4. Location: Lassen Sie sich bitte nie in irgendeiner ‘Location' blicken! Werden Sie häuslich, zeigen Sie sich als ein Mensch, der seine Sache zusammenhalten kann und niemals einen Groschen zum Fenster hinauswirft. Entdecken Sie den Buchhalter und Hausmann in sich, dieses ist das beste Bild, dass Sie jetzt Ihrem Chef vermitteln können. Pflegen und polieren Sie Ihre Sekundärtugenden. Was wollen Sie in irgendwelchen ‘Locations', diesen Kaschemmen und Speak-Easys unserer Neu-Arbeitslosen?

5. Effektivität: Erinnern Sie sich, wie rasch und ‘effizient' diese eben erwähnten ‘Location-Typen' die Finanzmärkte zugrunde gerichtet haben. Aus diesem Grund birgt die ‘Effizienz' - ähnlich wie die ‘Leistung' - sicherlich keinerlei Empfehlung für Führungsaufgaben mehr. Meiden Sie dieses Wort so, wie der Manager das Mikro. Und sagen Sie stattdessen, dass Sie ‘bestimmt nichts falsch machen' werden. Denn das zieht heutzutage.

6. ‘Transparenz': Jaja - das hätte nur der Steinbrück gern! Das Gegenteil ist jetzt gefragt. Halten Sie Ihr Maul, verhalten Sie sich wie beim Pokern, machen Sie ein undurchdringliches Gesicht und lasssen Sie niemanden in Ihre Karten oder gar Depots schauen. Am besten, Sie merken sich noch nicht einmal irgendwelche Fakten, dann können Sie auch nichts ausplaudern. Als absolut Unwissender sind Sie für alle Führungsaufgaben einer neuen Zeit bestens gerüstet.