Do
22
Jan
2009
Schmerzhafte Nagelprobe
Pfui. Da sitzt diese erwachsene Frau und kaut Fingernägel. Während sie sich in den Blick am Abend vertieft. Sie reisst an Nagelhäutchen, wo es nichts mehr zu reissen gibt. Sie beisst an Nägeln, die als solche nicht mehr zu erkennen sind. An ihren Händen hat es mehr Fingerkuppe als Nagel. Fingerstummel wäre wohl die richtige Bezeichnung.
Ihr Alltag muss ein Horror sein: Wie fädelt sie Schlüssel auf Schlüsselringe? Wie reisst sie Verpackungen auf? Wie nimmt sie sich kleine Ohrringe aus den Ohren? Wie klaubt sie Geld vom Boden auf? Und wie peinlich ist es ihr, wenn das neue Date beim Händchenhalten in der Bar ihr Gechafel sieht? Oder wenn sie beim ausgehängten Kinoprogramm auf den Film zeigt, der sie interessiert?
Ihre Nägel haben Dellen und Risse. Die Nagelhaut ist entzündet und gerötet. Tastaturschreiben muss die Hölle sein. SMS-Töggelen eine Qual. Aber sie kaut weiter. Warum tut sie das? Vielleicht ist die Absurdistan-Rubrik heute so spannend, dass sie nicht anders kann. Oder sie ist nervös, weil sie im Schatzchäschtli endlich mal jemand grüsst. Vielleicht ist es Langeweile. Weil sich die Fahrt Richtung Effretikon endlos in die Länge zieht. Oder Stress? Purer Arbeitsstress? Und das Nägelkauen dient als Blitzableiter?
Hat sie einen Schaden? Einen Knall? Ist sie in der oralen Kindheitsphase stecken geblieben? Haben alle Ermahnungsversuche der Mama und die bitteren Bite-X-Kuren nichts gebracht? Ich werde sie fragen. Ich werde in mich gehen. Denn die Frau bin ich.
[Quelle: www.blick.ch/blickamabend]
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