So
01
Mär
2009
Vontobels Rezepte: Lokal statt global
Wenn das globale System zusammenbricht, sollten wenigstens die lokalen Netze halten: Familien, Nachbarschaft, regionale Währungen. Dieses Sicherheitsnetz muss jetzt gestärkt werden. Der Versuch, die ganze Welt mit einer einzigen Maschine laufen zu lassen, ist soeben grandios gescheitert», resümiert der ...
... Sozialethiker Prof. Hans Ruh (75). Wir haben voll auf die globale Wirtschaft gesetzt und so die lokalen Netze geschwächt.
Die Parole lautet: Flexibilität. Wer seinen Job behalten will, muss bereit sein, mal hier oder dort, mal kürzer oder länger zu arbeiten, ohne Rücksicht auf Familie und Privatleben. Gemeinden müssen heute grössere Aufträge global ausschreiben und Grosskonzerne verlagern kurzerhand Zehntausende von Arbeitsplätzen.
Die sozialen Kosten dieser Flexibilität stehen in keinem Verhältnis zu den bescheidenen Effizienzgewinnen: Familien werden zerrüttet, das Vereinsleben erlahmt, der Stress macht krank. Die demokratischen Institutionen verlieren mit der Fähigkeit, die Wirtschaft zu gestalten, zugleich auch ihre Glaubwürdigkeit und Legitimation. «Haben wir die Globalisierung zu weit getrieben?» fragte der Harvard-Ökonom Dani Rodrik schon 1997.
Aber noch ist nichts verloren. Sogar in der Schweiz werden nach wie vor 50 Prozent des Bruttoinlandprodukts lokal erzeugt (von der Schweiz für die Schweiz). Rund 30 Prozent der gesamten Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen beruhen auch in der modernen Marktwirtschaft auf Gegenseitigkeit (Familie, Freunde, Nachbarschaft) statt auf Geld. Je höher dieser Anteil, desto krisenfester ist das System.
Diese lokale Wirtschaft gilt es zu stärken. Beispielsweise durch eine Umstellung auf eine nachhaltige und damit lokale Energieversorgung (Nicolas Hayek arbeitet schon daran). Ferner sollten wir die zweite Säule vermehrt zur Finanzierung unserer KMU nutzen (siehe Folge 3 dieser Serie). Mit einer Verteuerung der Treibstoffe könnte man lokale Produkte indirekt subventionieren.
Auch die geldlose Wirtschaft müsste ausgebaut werden. In Deutschland, wo die Normalbürger schon viel stärker unter die Räder der Globalisierung gekommen sind, stehen dabei vor allem zwei Lösungsansätze im Vordergrund:
1. Ein Grundeinkommen von 1500 Euro pro Kopf und Monat – unabhängig davon, ob jemand eine bezahlte Arbeit hat oder sucht. Als schweizerische Softversion des Grundeinkommens fordert der Basler Soziologe Ueli Mäder (57) den Ausbau der IV-Ergänzungsleistungen insbesondere für Haushalte mit tiefem Einkommen. Laut Mäder würde das jährlich etwa vier Milliarden Franken kosten.
Die Idee: Durch ein Grundeinkommen wird der Zwang gemildert, sich in der globalisierten Wirtschaft als billige Arbeitskraft anzudienen. Damit werden Kräfte für die lokale Wirtschaft frei.
2. Regiogeld. Lokale Währungen waren in der Krise der Dreissigerjahre ein grosser Erfolg. Ein Strafzins sorgte dafür, dass das Geld im Umlauf blieb, was Arbeitsplätze schuf. Weil sie aber das Währungsmonopol des Staates durchbrachen, wurden diese Währungen 1933 verboten. Seit der Rezession der Neunzigerjahre ist die Zahl der Lokalwährungen in Deutschland auf über zwei Dutzend gestiegen.
In der Schweiz gibt es die Lokalwährung «Talent», die in Krisenzeiten immer wieder aufblüht. Bedeutender ist das WIR-Geld, das vor allem in Bau und Detailhandel genutzt wird. 60000 KMU haben 2008 damit Rechnungen im Wert von 1,6 Milliarden Franken beglichen.
Lokale Währungen hatten immer dann grossen Erfolg, wenn sie auch vom Staat akzeptiert und an Zahlung genommen wurden. Die Welt braucht ohnehin ein besseres Währungssystem – warum nicht eines, das unten beginnt?
[Quelle: www.blick.ch]
bollinger's large world

