Mi
08
Jul
2009
Wurmkonflikt
«Geh mir aus dem Weg!» Der Regenwurm reagiert nicht. Er liegt regungslos auf dem Gehweg und flötet ein Lied von Marilyn Manson. «Scheiss Wurm, jetzt mach Platz!» Ich versuche, ihn mit meinen Worten zu beeindrucken, doch die Coolness des Wurms ist total immun gegen meine dünne Stimme.
Da ich ein zu Zwangshandlungen verpflichteter Autist bin, kann ich so was nicht ignorieren. So ein scheiss Regenwurm liegt vor mir auf dem Aldi-Parkplatz und macht einfach kein Platz. Ignorantes Wurmgesocks. Und dann lächelt er, als wollte er mich provozieren, flötet kaum hörbar die Junkieentschuldigung von Marilyn Manson: «... I don't like the drugs but the drugs like me ...», und ich stehe hilflos da. Ich werde grad echt verrückt an diesem blöden Wurm. Und er liegt da und pfeift gruslig-schlechte Rockmusik. Scheiss Wurm. Arschlochwurm. Das Tier ist unnachgiebig, kriechbehindert oder taub, glaube ich. Oder einfach nur auf extremen Ärger aus.
Ich beuge mich zu ihm runter: «Pass auf, Wurm, du kannst hier nicht einfach rumliegen und so tun, als ob dies hier dein scheiss Parkplatz wäre. Ich meine, ich könnte jetzt um dich herum laufen, aber ich gehe hier immer so, und immer, also wirklich immer, setze ich meinen Fuss auf diesen Plasterstein, auf dem du jetzt liegst. Also würde es dir viel Mühe bereiten, dich hier zu entfernen? Ich will dir nicht wehtun.»
Ausdruckslose Wurmaugen starren mich an und der Wurm zieht ein Gesicht, so als wolle er sagen: «Blödmann, Würmer können doch weder hören noch reden, also laber mich nicht an, Alter. Ach und ausserdem, ich bleibe hier liegen, bis es Frühling wird, du Lebensopfer.» Der Wurm merkt natürlich auch meine vorweihnachtliche Angespanntheit, aber da er ein dieser provokanten Arschlochwürmer ist, bleibt er einfach liegen und pfeift weiter schlechte Rockmusik, jetzt etwas lauter und irgendwas von Scooter. Der Wurm hat ein total fehlgeleiteten Musikgeschmack. Kackwurm.
Ich muss mir etwas überlgen. Einfach drauftreten und das wurmding unter meiner Schuhsohle zerreiben ziehe ich aber nicht in Erwägung, das wäre wieder so ein blödes Machtspiel Mensch gegen Tier, und auf dieses Niveau will ich mich einfach nicht herablassen. Dann überlege ich kurz, dem Wurm eine von meinen Zigaretten anzubieten, um ihn vielleicht ein bisschen milde zu stimmen, aber wer weiss, ob der Wurm überhaupt raucht und nicht vielleicht noch böse wird, wenn ich ihn mit einer meiner Zigaretten belästige. Ich frage trotzdem: «Zigarette?»
Der Wurm schweigt kurz und schüttelt den Kopf oder den Arsch, das kann ich nicht genau erkennen. Beide Wurmenden bewegen sich also ganz kurz, also Arsch und Kopf. Das Wurmgesindel bleibt aber an Ort und Stelle, meine Zigaretten bleiben in der Schachtel. Vielleicht sollte ich ihm ein bisschen Angst machen mit meinem Feuerzeug. Einfach mal so kurz vor seinem blöden Wurmgesicht eine Flamme machen, ihm einfach nur ein wenig Angst machen, nur ganz kurz demonstrieren, dass ich in meiner Funktion als Mensch doch wohl die besseren Karten habe.
Ich zeige ihm erstmal das Feuerzeug, vielleicht kennt er so was ja, vielleicht hat er ja Erfahrung mit solchen Dingen. Er stimmt aber pfeifend ein neues Lied an, und ich erkenne eine ganz neue Seite an ihm. Er pfeift was von Madonna, ich glaube es ist «Like a virgin»; ein Emowurm - auch das noch. Das Feuerzeug intressiert den Wurm nicht, ich lege es direkt vor in hin, bin mir aber auf einmal nicht mehr sicher, ob ich das Feuerzeug nicht zufällig seinem Arsch zeige, und so zeige ich das Feuerzeug auch noch der anderen Seite des Wurms. Unbeeindruckt verweilt er. «... like a virgin touched for the very first time ...», er pfeift dieses blöde Lied und treibt mich damit auf die A666, sie Autobahn Richtung purem Hass.
...ein kurze Auschnitt aus meinem aktuellen Taschenbuch, das mich zur Zeit auf meinem Arbeitsweg begleitet. Frech zu lesen! ;-)
bollinger's large world

