Mi

02

Sep

2009

Das Lied zur Krise

Geiseln, Erpressungen, skurrile Feierlichkeiten: Der libysche Staatschef Gaddafi dominiert momentan die Schweizer Schlagzeilen. Doch das ist noch gar nichts: Ende der Achtzigerjahre tauchte er sogar in der Schweizer Hitparade auf. Der Song hiess... «Muhammar». Über zwanzig Jahre ist es her: Im Dezember 1987 schaffte es ein exotisch anmutender Song eines kleinen Indie-Labels auf Platz vier der Schweizer Hitparade.

Exotisch, weil der minimalistische Elektro-Beat mit Samples von arabischem Gesang überlegt wurde. Doch die Band Touch El Arab stammte nicht etwa aus dem Mahgreb, sondern aus Basel.

Die Mitglieder Philippe Alioth, Christoph Müller und Stefan Hopmann veröffentlichten den Song zunächst als B-Seite, bevor sie vom Erfolg überrascht wurden. So um die 35 000 Einheiten wurden in der Schweiz verkauft; in Italien waren es hunderttausende. Auch in Frankreich, Deutschland und Österreich kam der Song in die Charts. Nicht schlecht für ein Lied, das den libyschen Diktator besingt. Oder war ein anderer «Muhammar» gemeint?

20 Minuten Online: Damit war nicht etwa Gaddafi gemeint, oder?

Philippe Alioth: «Doch, doch, durchaus. Das kam so: Wir waren eine Bande Freunde, die sich an einem Gymi-Skitag betranken. Bei zunehmendem Alkoholpegel gaben wir uns gegenseitig Namen. Der eine war Jassir Arafat, der andere [der syrische Druseführer] Walid Djoumblat usw. - und einer war eben Muhammar Gaddafi. Deshalb auch die Lyrics 'you may not drive a car when you're drunk Muhammar'. Es fing alles als Jux an.»

Woher stammten die Samples der arabischen Gesänge?
Philippe: Alioth:
Die waren von einer Copyright-freien Platte; 'Mit dem Mikrofon unterwegs in Arabien' hiess sie, glaube ich. Unser Sample stammt von einem tunesischen Kameltreiber. Den genauen Wortlaut konnte ich aber nie entschlüsseln. Es soll ein obskurer Berg-Dialekt sein.

Angesichts der neu entstandenen Aktualität - steht eine Wiederauflage an?
Ich bin weiterhin musikalisch tätig und habe demnächst ein neues Projekt am Start, das einigermassen politisch unkorrerkt werden soll. Es geht weniger in die arabische Richtung, hat aber durchaus Bezugspunkte dazu. Noch kann ich nicht mehr dazu verraten. Allerdings möchte ich nicht mit Songs der Tagesaktualität hinterherrennen.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Krise?
Nun, Libyen wurde vor zirka zehn Jahren von der US-Liste der Schurkenstaaten gestrichen. Trotzdem gelten Menschenrechte in Libyen weniger als anderswo - Gaddafi ist so willkürlich wie eh und je. Und wenn in Frankreich, zum Beispiel, namhafte Politiker erklären, dass sie Gaddafi nicht die Hand reichen werden, kann man sich darüber streiten, ob das Vorgehen der Schweiz richtig war. Andererseits ist es klar, dass Merz alles unternehmen muss, um die Geiseln freizubekommen. Daher werfe ich Merz nichts vor. Um zwei Menschenleben zu retten, ist auch ein Kniefall gerechtfertigt.

[Quelle: www.20min.ch]

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