Do
21
Jan
2010
Auf die inneren Werte kommt es doch an
Es war spät in der Nacht. Der Bass dröhnte. Das Publikum feierte. Stimmung und Alkoholpegel waren an der oberen Grenze – der falsche Zeitpunkt, sich über ernsthafte Dinge zu streiten. Und doch; drei Pärchen ereiferten sich über die gegenseitige Wertschätzung, deren Gründe und Auswirkungen.
Selbst nüchtern käme man zu keinem allgemeingültigen Konsens. Seit Menschengedenken versucht man erfolglos, den Schlüssel für Zu- und Abneigungen zu finden. Schön und attraktiv will jeder sein. Oberflächlich aber mit Bestimmtheit niemand. Tiefsinnig bleiben und trotzdem cool wirken – ein gesellschaftliches Pflichtverhalten, um nicht zu viel von sich preisgeben zu müssen. Beim Versuch, den Code der Liebe zu knacken, sind Philosophen gescheitert und Professoren verzweifelt. Es gibt keine Erklärung dafür, wieso sich Menschen plötzlich finden, sich lieben und wertschätzen oder aber sich auf ewig verfluchen. Argumente und Erklärungsversuche wurden als Vorwürfe interpretiert. Seine Meinung zu vertreten ist ja okay – aber wir sind doch nicht zum Streiten da, dachte ich. Meine Interventionen, man möge ein anderes Thema wählen, fruchteten nicht.
Die Entwicklung der Unterhaltung war absehbar und ging mir zunehmend auf die Nerven. Eine Provokation war hierfür das Erfolg versprechendste Mittel. «Hört auf zu streiten. Sind es denn nicht die inneren Werte, die den Menschen ausmachen und zählen?» Die Frauen nickten und ich fuhr fort: «Aber zu ihnen vorzustossen, ist oft so mühsam!» Alsbald versöhnten sie sich mit ihren plötzlich wieder liebenswerten Partnern – und ich hatte wieder mehr Platz an meinem Tisch.
[Quelle: Die Kolumne im heutigen Blick am Abend, geschrieben von Urs Kind (Herrliberg ZH).]
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